Ähnlich wie die im vorigen Abschnitt erwähnten
Verhältnisse in den Walddörfern vor der Jahrhundertwende waren auch diejenigen
in Langenhorn, dem nördlichen Landgebiet Hamburgs. Auch dieses Gebiet entbehrt
jeder Verkehrsverbindung mit der Innenstadt. Das erste Projekt einer
Bahnverbindung mit Langenhorn ist 1891 entstanden und schon an anderer Stelle
erwähnt. Es handelt sich um das Haidmannsche Projekt, das gleichzeitig eine
Erschließung der Walddörfer vorsah. Nach Ablehnung dieses Projektes arbeitete
das Ingenieurwesen der Hansestadt Hamburg 1895 weitere Pläne aus, die aber
ebenfalls nicht zur Ausführung kamen. Stattdessen wurde im Jahre 1902 eine
Pferdeomnibuslinie von Eppendorf über Alsterkrugchaussee - Langenhornerchaussee
nach Ochsenzoll eröffnet, die ein Jahr später der größeren Wirtschaftlichkeit
wegen von der Endstation der Straßenbahn in Ohlsdorf ihren Anfang nahm.
Inzwischen wuchs aber die Einwohnerzahl Langenhorns ständig, und die dortige
Gemeindevertretung war weiter bemüht, zumindest eine Kleinbahn, eventuell in der
Form einer Straßenbahn nach Langenhorn zu bekommen. Ein zu diesem Zweck
gegründetes Konsortium beantragte am 30.November 1904 beim Senat den Bau einer
Straßenbahn in Verlängerung der Ohlsdorfer Linie. Die SEG, die mit in die
Verhandlungen eingetreten war, forderte jedoch für die Strecke einen nicht
unerheblichen Zuschuß vom Staat, der ihn aber ablehnte. So
wurde es wieder einige Jahre ruhig um das Projekt einer Bahnverbindung mit
Langenhorn, bis der Zivilingenieur Dr. C.O.Gleim am 8.Februar 1908 beim Senat
ein Gesuch einreichte, die Erlaubnis zur Vornahme von allgemeinen Vorarbeiten
für den Bau und Betrieb einer Kleinbahn von Winterhude nach Langenhorn zu
erteilen. Die Senatskommission für Eisenbahnangelegenheiten empfahl dem Senat am
4.Mai 1908 die Erteilung der Erlaubnis; Dr. Gleim machte jedoch hiervon keinen
Gebrauch, da er inzwischen erkannt hatte, daß der Einführung in die geplante
Hochbahnstrecke bei Ohlsdorf der Vorzug zu geben sei. Nachdem er für das nunmehr
geänderte Projekt die Genehmigung erhalten hatte, reichte er am 10.Februar 1909
fünf Vorschläge beim Senat ein, die er zur Auswahl stellte. Folgende Strecken
waren vorgesehen:
1) Zwei Linien von Groß Borstel und Ohlsdorf, die
zusammentreffen und entlang der Langenhorner Chaussee nach Ochsenzoll führen-,
2) Eine Linie von Ohlsdorf westlich der Langenhorner
Chaussee;
3 Eine Linie von Ohlsdorf parallel der Tangstedter
Landstraße;
4) Eine Linie erst westlich, dann östlich der Langenhorner
Chaussee unter zweimaliger Plankreuzung;
5) Zwei Linien auf beiden Seiten Langenhorns, die erst in
Ochsenzoll zusammentreffen.
Nachdem die Pläne geprüft waren, machte Dr.Gleim am 4.April
1910 einen erneuten Vorschlag, der im wesentlichen die Streckenführung der
heutigen Langenhorner Bahn hatte. In Ohlsdorf sollte die neue Bahn die
Friedhofsgärtnerei durchschneiden, um dann ohne Plankreuzung bis Ochsenzoll zu
gelangen. Für später war eine Verlängerung durch das westliche Langenhorn durch
die Gegend des heutigen Flughafens Fuhlsbüttel vorgesehen, am Lattenkamp sollte
die Bahn dann wieder in die Hochbahn einmünden. Die Strecke sollte mit
Dampflokomotiven befahren werden, was allerdings Schwierigkeiten beim Anschluß
in Ohlsdorf haben würde; gegenüber dem ersten Plan sollten 10 Zugpaare täglich
verkehren. Für ein eventuelles späteres drittes Gleis sollte auf der Ostseite
der Strecke ein etwa 4m breiter Streifen vor der Bebauung geschützt werden. Im
dritten Projekt Dr. Gleims, das im November 1910 an den Senat herangetragen
wurde, wurde die alsbaldige Einführung des elektrischen Betriebes vorgesehen.
Beim Grunderwerb sollte bereits der Raum für das dritte Gleis berücksichtigt
werden. An Kosten für das Projekt wurden 2,7 Millionen Mark veranschlagt.
Inzwischen hatte aber auch der Unternehmer der Kleinbahn Altrahlstedt -
Wohldorf, der sich ebenfalls um die ersten Projekte der Walddörferbahn bemühte,
einen Vorschlag eingereicht, Langenhorn durch eine Kleinbahn zu erschließen.
Die
Strecke sollte von Ohlsdorf bis Glashütte führen und die Haltestellen Fuhlsbüttel, Langenhorn und Ochsenzoll bekommen. Auch eine Abzweigung zur
Irrenanstalt war vorgesehen, die den Güteranschluß darstellen sollte. Der
Betrieb sollte mit zwei elektrischen Triebwagen durchgeführt werden. Für die
Baukosten wurden 2,8 Millionen Mark veranschlagt. Ebenso wie bei der
Walddörferbahn schieden im Jahre 1910 die privaten Bewerber für den Bau der Bahn
aus, da der Hamburger Staat die Bahn in eigener Regie bauen wollte. Da die
geplante Bahn nur auf Hamburger Gebiet lag, waren Verhandlungen mit Preußen, wie
sie für den Bau der Walddörferbahn geführt werden mußten, nicht notwendig. Man
müßte also annehmen, daß aus diesem Grunde der Bau der Langenhorner Bahn viel
schneller hätte begonnen werden können. Der Grund, daß das Projekt viel später
vor die Bürgerschaft kam, als das der Walddörferbahn, lag aber daran, daß auch
die preußische Staatsbahn sich um die Verlängerung ihrer Ohlsdorfer Linie bis
Wohldorf bewarb, so daß sich der Staat gezwungen sah, die Wohldorfer Verbindung
zu forcieren. Am 12.Oktober 1912 trat der Senat erstmalig mit seinem Projekt vor
die Bürgerschaft und damit vor die Öffentlichkeit. In der Sitzung der
Bürgerschaft vom 13.November 1912 wurden sowohl die Bausumme von 7 160 000 Mark
als auch 5166,90 Mark genehmigt, die an das "Komitee für die Erbauung einer
Kleinbahn nach Langenhorn" für die geleisteten Vorarbeiten ausgezahlt werden
sollten. Am 1.Januar 1913 wurden die Gemeinden Klein Borstel, Fuhlsbüttel und
Langenhorn, die bisher zum Hamburger Landgebiet zählten, in das Stadtgebiet
eingemeindet. Dadurch traten die im Landgebiet geltenden gesetzlichen
Bestimmungen außer Kraft, während die für das Stadtgebiet erlassenen
Bestimmungen in Kraft traten. Die Bestimmung über die Erhebung der Bahnsteuer
war aber auch unter den Gesetzen des Landgebietes. Es dauerte bis zum 17.Januar
1914, bis durch Gerichtsbeschluß festgestellt wurde, daß die Bahnsteuer auch
weiterhin zu entrichten sei.
Der Betriebsvertrag zwischen der HHA und der Finazdeputation wurde zusammen mit dem für die Walddörferbahn am 30.April/1.Mai
1914 abgeschlossen. Er enthält auch dieselben Bestimmungen. Mit den Bauarbeiten
wurde sogleich nach Genehmigung durch die Bürgerschaft im Jahre 1913 begonnen.
Die Erdarbeiten wurden noch im gleichen Jahr fast vollständig durchgeführt. Mit
den Kunstbauten wurde 1914 begonnen; an 18 Stellen mußten Straßenunter- oder
-überführungen errichtet werden. Nach Beginn des Weltkrieges verzögerten sich
die Arbeiten jedoch, und erst Mitte 1917 waren alle Arbeiten soweit
fertig gestellt, daß man an eine provisorische Eröffnung denken konnte.
Allerdings fehlte - ähnlich wie bei der Walddörferbahn - noch die elektrische
Ausrüstung der Strecke. Da die Gegend nördlich Ohlsdorfs in dieser Zeit nur
schwach besiedelt war, sah man für den provisorischen Betrieb nur zunächst drei
Haltestellen vor: Fuhlsbüttel, Langenhorn (später Langenhorn Mitte/Markt) und
Ochsenzoll. Die Haltestellen Klein Borstel, Langenhorn Süd (später
Flughafen/Flughafenstraße/Fuhlsbüttel-Nord), Langenhorn Nord waren zwar
fertig gestellt, blieben jedoch geschlossen. Als Termin war der 1.Dezember 1917
vorgesehen, mußte jedoch kurzfristig verschoben werden, da es nicht möglich war,
eine Dampflok und und die erforderlichen Wagen zu bekommen. Inzwischen stand
aber auch die von der preußischen Staatsbahn betriebene Alstertalbahn Ohlsdorf -
Poppenbüttel kurz vor ihrer Eröffnung und aus Konkurrenzgründen (schnellere
Bebauung des preußischen Alstertals gegenüber dem hamburgischen Langenhorn)
mußte schnellstens eine Notlösung gefunden werden. Man beauftragte deshalb
die Tiefbaufirma Julius Berger AG., die im Besitze einer Lokomotive war, mit
der Aufnahme des Betriebes auf Staatskosten.
Nachdem am 4.Januar 1918 die
landespolizeiliche Abnahme der Strecke erfolgt war, konnte der reguläre
Personenverkehr am folgenden Tage eröffnet werden. Zunächst fuhren nur vier Züge
in jeder Richtung. Sie bestanden neben der Lok aus zwei alten Personenwagen,
einem Raucher und einem Nichtraucher, der auch die Post mitnahm. Im Frühjahr
1918 gelang es dem Hamburger Staat, eine zweite Lok zu erwerben, so daß die Zahl
der Züge auf acht erhöht werden konnte. Wenn dadurch das Platzangebot verdoppelt
wurde, änderte es jedoch nichts an der ständigen Überfüllung der Wagen, da von
dem neuen Verkehrsmittel, auch wenn es nur ein Provisorium war, vom ersten Tage
der Betriebseröffnung an ein reger Gebrauch gemacht wurde. Die Fahrpreise waren
gegenüber den innerstädtischen Verkehrsmitteln verhältnismäßig hoch: Für die
Strecke Ohlsdorf - Langenhorn mußte man 15 Pf. für die ganze Strecke 30 Pf.
bezahlen, zu einer Zeit" als die Fahrpreise auf der Straßenbahn 10 - 20 Pf.
betrugen. Bei den Zeitkarten lagen die Verhältnisse ähnlich. Eine Herabsetzung
der Fahrpreise trat vom 1.Juni 1918 ab ein. Für den ersten Zug (5.30 Uhr ab
Ochsenzoll) wurden Frühverkehrskarten ausgegeben, die gleichzeitig für die
Rückfahrt am gleichen Tag galten. Der am 1.Oktober 1918 in Kraft tretende
Winterfahrplan brachte wieder nur acht Zugpaare täglich. Eine Erhöhung war wegen
der angespannten Kohlenlage und der zu geringen Anzahl von Betriebsmitteln nicht
möglich.
Für den elektrischen Ausbau der Strecke, der in den letzten
Kriegsjahren ins Stocken geraten war, bewilligte die Bürgerschaft am 13.April
1919 den Betrag von 3 375 000 Mark. Der Betrag sollte gleichzeitig für den Bau
der erforderlichen Hochbahnwagen verwendet werden. Aber die
Lieferschwierigkeiten für Rohstoffe sowie die von nun an ständig wachsende
Geldentwertung waren der Grund, weshalb das Geld immer früher ausging, bevor
auch nur ein Teil der vorgesehenen Materialien beschafft worden war.
Währenddessen wurde aber trotzdem eine Erweiterung des Betriebes vorgenommen.:
Vom 1.September 1919 die provisorische Eröffnung der Hst. Langenhorn Nord und
nachmittags wurden von dieser Hst. zwei Sonderzüge eingelegt, so daß nunmehr 10
Zugpaare von Ohlsdorf verkehrten. Ab 1.November fuhren wieder alle Züge bis
Ochsenzoll durch. Es waren jetzt neun Zugpaare. Trotz der fortschreitenden
Elektrifizierung der Strecke machte der Langenhorner Bürgerverein von 1877 im
November 1919 noch einmal den Vorschlag an die HHA, doch die Ohlsdorfer
Straßenbahnlinie bis Langenhorn zu verlängern, da die Langenhorner Bahn
besonders das Gebiet westlich der Langenhorner Chaussee nur unzureichend
erschließ würde. In der Antwort der HHA vom 10.Dezember wurde mitgeteilt, daß in
den nächsten 25 Jahren nicht mit dem Bau einer Straßenbahn nach Langenhorn zu
rechnen sei, da zur Zeit dringlichere Aufgaben vorlägen. Eine letzte
Betriebserweiterung des Bergerschen Dampfbetriebes erfolgte zum Winterfahrplan
am 1.November 1920, als die Zahl der werktäglichen Zugpaare auf 11 erhöht wurde.
Mit dem 30.Juni 1921 stellte Julius Berger die Fahrten seines provisorischen
Dampfbetriebes ein. Wenn auch im Vergleich zu der ersten Nachkriegszeit der
Betrieb etwas regelmäßiger geworden war, so trauerte doch niemand den Dampfloks
nach, die manchen Fahrgast viel Ärger verursacht hatten.
Vom 1.Juli ab übernahm
die HHA die Betriebsführung, vorerst mit ihren alten Hochbahnwagen, da trotz
der, wiederholt erfolgten Nachbewilligungen die erforderlichen Wagen nicht
fertig gestellt werden konnten. Die Hst. Langenhorn Süd wurde ebenfalls für den
Verkehr geöffnet, nur Klein Borstel blieb noch geschlossen. Der Betrieb erfolgte
anfänglich in 60-Minuten-Abständen, zeitweise wurde alle 30 Minuten gefahren.
Wie in dem am 1.Mai 1914 abgeschlossenen Betriebsvertrag führte die HHA
lediglich den Betrieb auf Rechnung des Hamburger Staates. Sie erhielt die
Ausgaben mit einem geringen Aufschlag vom Staat ersetzt, mußte dafür aber
sämtliche Einnahmen an den Staat abführen. In der folgenden Zeit wurden noch
wiederholt Nachbewilligungen für die Betriebsmittel der Langenhorner Bahn
erteilt und zwar im Jahre der Eröffnung 3,3 Millionen Mark, im März 1922 noch
einmal 2,7 Millionen Mark. Gleichzeitig wurden für die Elektrifizierung der
Güterbahn 7 940 000 Mark bewilligt. Während des Jahres 1923 blieb die Hst.
Langenhorn Süd wegen mangelnder Benutzung geschlossen. Am Ostersonntag, den
20.April 1924 wurde sie wieder eröffnet. Am 9.Juli 1924 reichte der Senat einen
Antrag ein, den Stückgutverkehr auf der Langenhornerbahn zu genehmigen. Man
könnte zwar mit der Güterbahn und ihrer Entwicklung zufrieden sein, jedoch
müßten die Langenhorner ihre Stückgüter alle aus Ohlsdorf abholen. Für die
Anschaffung zweier altbrauchbarer und zweier neuwertigen Sackkarren würden 2200
Goldmark benötigt, sonst würden die Ausgaben nicht vergrößert werden. Der Antrag
wurde am 10.September 1924 angenommen.
Der Fahrplan wurde während des Jahres
1924 in den Hauptverkehrszeiten auf 15 Minuten verdichtet. In den
verkehrsschwachen Zeiten führen die Züge aber immer noch alle 60 Minuten. Erst
vom 23.Februar 1925 ab wurde der Abendverkehr auf 30-Minuten-Abstand verdichtet.
Am 6.März 1925 wurden noch einmal Beträge für den Bau weiterer Wagen bewilligt,
so daß nunmehr 71 Wagen für die Langenhorner und Walddörferbahn zur Verfügung
stehen sollten, die dem Hamburger Staat gehörten. Am 13.Mai 1925 wurde von der
Bürgerschaft die Elektrifizierung des Güterverkehrs nach Ochsenzoll, die infolge
der letzten Entwicklung der Wirtschaft zurückgestellt worden war und
gleichzeitig die Übernahme durch die HHA genehmigt. Die HHA sollte als Pächter
des Betriebes eingesetzt werden und dafür 20% der Bruttoeinnahmen an den Staat
abgeführt werden. Für einen Güterschuppen in Ochsenzoll, einige Gleisumlegungen
und die elektrische Ausrüstung der Strecke 221 000 Mark bewilligt. Das ehemalige
Projekt eines Güteranschlusses der Irrenanstalt wurde fallen gelassen, da die
Beförderung von Barmbek mit Lastkraftwagen billiger sei. Die Übernahme des
Personen- und Güterverkehrs auf der Langenhornerbahn erfolgte zum 25.Mai 1925.
Von diesem Tage an wurden einige Fahrplanverbesserungen durchgeführt: Der
Betrieb begann 1/2 Stunde früher, vormittags verkehrten die Züge alle 30 Minuten
und die Hst. Klein Borstel wurde eröffnet.